Mit dem ganzen Körper hören und sehen

Taubblindheit/Hörsehbehinderung ist eine ganz besondere Form der Beeinträchtigung. Wenn Menschen von Geburt an oder bereits in frühen Jahren taubblind oder stark hörsehbehindert sind, wachsen sie buchstäblich in ihre besondere Welt hinein. In der die Chancen heute deutlich besser stehen, ihre Potenziale zu erkennen, zu entwickeln und sogar Teilhabe zu ermöglichen. Dank einer äußerst engagierten, spannenden „Szene“ an Fachkräften, die Pädagogik und Diagnostik in den vergangenen 25 Jahren entwickelt und stetig auf ein immer neues Niveau gehoben hat. In Schramberg-Heiligenbronn ballt sich die Fachkompetenz, hier wurden in diesem Zeitraum große Meilensteine in der Taubblindenarbeitauch für Erwachsenegesetzt.

Ein Kind wird geboren. Betriebsamkeit im Raum, zum allerersten Mal wird das kleine Geschöpf in die Höhe gehalten. Die Mutter lächelt, erleichtert und glücklich. Medizinisches Personal in grünen Kitteln verständigt sich mit Worten und Gesten.
OP-Besteck klappert, Überwachungsgeräte senden akustische Signale und dimmbare Lampen, die zuvor noch hell strahlten, sorgen nun nach der Geburt für eine gedämpfte, behagliche Atmosphäre. Eine Vielfalt an Sinneseindrücken. Doch das Baby kann nichts davon wahrnehmen, vermutlich nicht einmal seinen ersten eigenen Schrei – denn es ist taubblind.

Was es aber spürt, sind die Berührungen der Mutter, ihre Nase und ihren Mund an seiner Wange, ihren warmen Atem und das weiche Handtuch, in das es gewickelt ist. Solche taktilen Reize sind es, die ab sofort eine Brücke zur Außenwelt bilden. Über sie wird das Kind seine Umwelt wahrnehmen und mit ihr in Kontakt treten. Auf seine ganz eigene Weise. Doch weder über rudimentäre Arten der Kommunikation, wie Blicke oder Gesten, noch über Lautsprache wie sonst üblich. In seiner Wahrnehmung ist es eine Welt ohne „ma ma“, ohne Gesichter, die es anlächeln und ohne Zeigefinger, die seine Aufmerksamkeit lenken.

Ob es eventuell über ein Resthörvermögen oder ein Restsehvermögen verfügt, kann beizeiten Diagnostik zeigen. Im günstigeren Fall kann das Hörvermögen und das Sehvermögen mit individuell angepassten Hilfsmitteln verbessert werden. Wie auch immer, Interaktion und Kommunikation mit diesem Kind werden ein Leben lang „anders“ verlaufen.

Neue Chancen

Um einem Irrtum vorzubeugen: Als taubblind gelten auch Menschen mit stark ausgeprägter Hörsehbehinderung. „Taub“ bedeutet nach heutiger Definition, durchaus noch über ein Resthörvermögen unterhalb eines Schwellenwerts zu verfügen. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Begriff „blind“. Ein blinder Mensch kann vielleicht Licht wahrnehmen oder schwache Umrisse. So ergeben sich ganz unterschiedliche Konstellationen: Menschen mit anerkannter Taubblindheit können nichts hören und fast nichts sehen, oder nichts sehen und fast nichts hören oder nichts hören und nichts sehen. In jedem Fall jedoch führt das eingeschränkte Hören und Sehen zu Informationslücken, was einen großen Einfluss auf die Entwicklung hat.

Umso bedeutender sind für diese Menschen körperliche Eindrücke und der Tastsinn. Damit erschließen sie sich ihre Welt. Mit Berührungen und vor allem durch das taktile Gebärden kann ein fachlich hochversiertes Gegenüber mit solchen Kindern Verständigung und Kommunikation anbahnen. Dadurch wird beispielsweise die Entwicklung von kognitiven Fähigkeiten und Orientierung und Mobilität möglich. Und schließlich auch das Erfahren von Teilhabe.

Die Chancen hierzu stehen heute weitaus besser als noch vor der Jahrtausendwende. Erst von da an gewann die Entwicklung in der Taubblindenarbeit in Deutschland – auch für Erwachsene mit Taubblindheit – deutlich an Dynamik. Nicht zuletzt dank des Wirkens von mutigen und engagierten Fachkräften in Schramberg-Heiligenbronn, wissbegierigen und leidenschaftlichen Spezialistinnen und Spezialisten für Taubblindheit.

Voraussetzung waren zwei wesentliche Erkenntnisse: Nämlich, dass Taubblindheit/Hörsehbehinderung keine Addition aus Taubheit und Blindheit ist, sondern eine Behinderung eigener Art. Und dass diese Menschen eine profunde Diagnostik und vor allem eine eigene Taubblindenpädagogik benötigen. Erst mit der Entwicklung und dem Versieren beider Bereiche konnte sich die Taubblindenarbeit in vergleichsweise kurzer Zeit komplett wandeln. Viele Meilensteine dafür wurden in Schramberg-Heiligenbronn gelegt.

Einziges Kompetenzzentrum in Baden-Württemberg

Ein kurzer Sprung in die Mitte des 19. Jahrhunderts, in diesen Wallfahrtsort im Schwarzwald – nach Heiligenbronn. Dort gründete ein Vikar das Franziskanerinnenkloster und eine „Rettungsanstalt“ für verwaiste Kinder – buchstäblich „auf der grünen Wiese“. Im Jahre 1860 kamen Kinder mit Gehörlosigkeit hinzu, die dort eine Gehörlosenschule besuchen konnten. Etwas später wurden die ersten Kinder mit Blindheit an diesem Ort unterrichtet.

Somit war der historische Grundstein für den heutigen Geschäftsbereich „Teilhabe“ in Heiligenbronn gelegt. Mit den beiden Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) Sehen und Hören innerhalb der Stiftung St. Franziskus, welche in den 1990er Jahren aus dem Kloster hervorging. Mit ihren heute vielfältigen Einrichtungen und Angeboten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, denen einer der beiden Fernsinne – Hören und Sehen – fehlt oder nur marginal zur Verfügung steht. Beziehungsweise für Menschen, denen gleich beide Fernsinne fehlen, also Menschen mit Taubblindheit/Hörsehbehinderung. Seit Anfang der 2000er Jahre wirkt die Taubblindenarbeit in Heiligenbronn unter dem Dach des Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums Sehen als Kompetenzzentrum Taubblindheit/Hörsehbehinderung. Als einziges in Baden-Württemberg und nur eines von vier in ganz Deutschland.

„Gottes Wort den Taubstummen, den Blinden das Himmelslicht (...)“. Diese Zeilen stammen aus Friedrich Schillers berühmten Gedicht „Das Lied von der Glocke“. Worte des Vertrauens in Gottes Führung. Geistiger Beistand und menschliche Zuwendung durch eine Schwester des Klosters waren es, die Ende der 1960er Jahre erstmals ein stark hörsehbehindertes Kind in die Frühförderung nach Heiligenbronn brachten. Schwester Bonaventura erkannte mit einem offenen Blick und viel Empathie, dass dieses Mädchen nicht geistig beeinträchtigt ist, wie zuvor angenommen wurde. Also Potenziale zur Entwicklung vorhanden sind. Ein lebensentscheidender Unterschied. Und eine glückliche Fügung, da Menschen mit Taubblindheit oder starker Hörsehbeeinträchtigung hochgradig davon abhängen, ob und in welchem Alter ihre Potenziale und Kompetenzen von außen erkannt und eingeschätzt werden. Nur dann können diese bestmöglich entwickelt werden.

Noch in der Zeit vor der Jahrtausendwende wurde erstmals eine Schülerin mit Taubblindheit von einer Mitarbeiterin der Stiftung zu Hause unterrichtet und die erste arbeitsbegleitende Maßnahme für taubblinde Erwachsene eröffnet. Im Jahr 2000 wurde dann die erste stark hörsehbehinderte Schülerin in Heiligenbronn eingeschult und zwei Jahre später startete die erste Frühförderung eines taubblinden Kindes in dessen Wohnort durch eine Fachkraft der Stiftung. Und 2009 wurde in Heiligenbronn die erste Schwerpunkt-Internatsgruppe für Kinder und Jugendliche eröffnet, vier Jahre später zwei Wohngruppen für Erwachsene mit Taubblindheit/Hörsehbehinderung. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Pionierarbeit

Heute fast nicht mehr vorstellbar, doch vor dem Epochenwechsel im Verständnis über Taubblindheit waren diese Menschen sowie deren Angehörige weitgehend dem Schicksal überlassen. Weil der richtige Blick auf sie und der richtige Zugang zu ihnen fehlten. Und somit ausreichend Wissen und Know-how, Erfahrung und Skills im Umgang mit Taubblindheit/Hörsehbehinderung.

Doch das sollte sich noch merklich ändern. Der heutige Geschäftsbereich „Teilhabe“ der Stiftung St. Franziskus hatte bereits frühzeitig erkannt, dass es in diesem Bereich einen enormen Nachholbedarf gibt. Mit großem Engagement und viel Hingabe und Leidenschaft leisteten Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen wahre Pionierarbeit und vertieften sich in die Weiterentwicklung der Taubblindenarbeit. In Grundlagenwissen, in die Ausbildung von Fachkräften, den Aufbau von Fachlichkeit, moderne Diagnostik-Tools und eine angepasste, spezifische Taubblindenpädagogik und Fachliteratur.

Meilensteine mit direktem Bezug nach Heiligenbronn waren und sind die Qualifizierungsmaßnahmen für Taubblindenassistenz, die Professionalisierung pädagogischer Konzepte auf Grundlage eines EU-Projekts sowie die europaweite Vernetzung der Taubblindenarbeit. Dies geschah unter Leitung von Dr. Andrea Wanka, die ab 2012 als Beauftragte für Taubblindheit/Hörsehbehinderung für die Stiftung St. Franziskus tätig war, bis sie 2018 die erste Professur in Deutschland im Bereich Taubblindheit an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg antrat. In diese Zeitspanne fiel auch der erste internationale Taubblindenkongress – durchgeführt in Heiligenbronn.

Mit der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und anderen nationalen und internationalen Bildungseinrichtungen arbeitet der Taubblindenbereich in Schramberg-Heiligenbronn eng zusammen. In einer Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Heidelberg entstand beispielsweise ein Screeningverfahren, um Verdachtsfälle von Menschen mit Taubblindheit/Hörsehbehinderung leichter erkennen zu können.

Der vorausschauende Blick zum Wohle dieses Personenkreises mit seinen ganz spezifischen Bedarfen spiegelt sich aktuell auch in Planungen für einen umfassenden Neubau auf dem Areal der Stiftung in Heiligenbronn wider. Dort soll in ein paar Jahren ein Gebäude auf dem neuesten Stand der Technik, Wissenschaft und Pädagogik entstehen. Es wird Raum zum vielfältigen Lernen und Leben bieten, einen Ort der Möglichkeiten für Entwicklung und Teilhabe. Ein Ort also, der zentrale Facetten der Taubblindenarbeit unter einem Dach vereint.

Bahnbrechend

Ein äußerst spannendes und überaus anerkanntes Gebiet innerhalb der Taubblindenarbeit in Heiligenbronn ist zudem die Pädagogische Audiologie. Diese wurde 2010 gegründet. Dort werden hauptsächlich Kinder und Jugendliche auf ihr Resthörvermögen getestet. Das Team der Pädagogischen Audiologie arbeitet mit einem externen Akustikspezialisten und u.a. Ärzten der Universitätsklinik Freiburg zusammen. So ist es möglich, akustische Hilfsmittel direkt vor Ort auszuprobieren und anzupassen. In der Pädagogischen Audiologie konzentrieren sich viele Aspekte der modernen Taubblindenpädagogik und -diagnostik. Etwa die Erkenntnis, dass das Setting, also die Umgebung und der Wohlfühlfaktor, für diese Kinder und Jugendlichen eine zentrale Rolle spielt. Und dass Nähe und Vertrautheit die Basis dafür bilden, dass das Kind oder der Jugendliche mit Taubblindheit von sich aus etwas zeigt und „anbietet“, worauf sich Kommunikation aufbauen und entwickeln lässt. Ein bis dato einmaliges Angebot und ein Meilenstein in der Taubblindenarbeit, der durchaus als bahnbrechend bezeichnet werden kann.

Mittlerweile wird die Pädagogische Audiologie auch für Erwachsene angeboten. Für sie ist Heiligenbronn meist Lebensmittelpunkt. Ohnehin wird auf dem Gelände der Stiftung heute eine breite Palette an Einrichtungen angeboten, die die diversen Lebensspannen umfasst: Beratungsangebote in den Bereichen Frühförderung, Schulbildung oder für Erwachsene mit Taubblindheit/Hörsehbehinderung, Maßnahmen zur Förderung und Betreuung (der sogenannte FuB-Bereich) von Erwachsenen, Arbeitsbegleitung oder Arbeitsmaßnahmen, unter anderem in den dort ansässigen Werkstätten der Stiftung sowie Einrichtungen zum Wohnen und für die Freizeit. Kurz: zum Leben. 

Gerade für Menschen mit Taubblindheit/Hörsehbehinderung sind ein stabiler Alltagsrahmen und ein verlässliches Umfeld, welches ganz gezielt auf ihre speziellen Bedarfe eingeht, sehr wichtig. Nicht zuletzt dann, wenn der Übertritt vom Schulalter ins Erwachsenenalter ansteht oder sie sich bereits darin befinden. Neben den seit 2013 bestehenden verschiedenen Wohnungen für Erwachsene mit Taubblindheit/Hörsehbehinderung gibt es auch zwei Wohnungen (Helena und Helena+) für Jugendliche und junge Erwachsene. Sie sind einerseits Teil des ansässigen Schulinternats für Schülerinnen und Schüler, deren Wohnort zu weit von Heiligenbronn entfernt liegt. Andererseits bieten sie Platz für jene, die sich in der Übergangsphase zwischen Schule und Erwachsenenleben befinden. Dort finden sie den Raum, aber auch die Zeit, sich in ihrem Tempo und ihren Fähigkeiten gemäß an die Umstellungen zu gewöhnen und sich weiterzuentwickeln. Und das stets auf dem neuesten Stand der Wissenschaft, der Diagnostik und Pädagogik – denn die Taubblindenarbeit in Heiligenbronn wird sich auch in den kommenden Jahren garantiert dynamisch und fortschrittsgewandt zeigen.

Die wegweisenden Entwicklungen und Innovationen aus Schramberg-Heiligenbronn im Bereich der Taubblindheit/Hörsehbehinderung fanden auch immer wieder durch internationale Anerkennung und Preise ihre Würdigung. Fortschritte, die das Wirken der Einrichtung nun bereits seit 25 Jahren prägen.

 

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