Mutig nach vorne – Impulse aus Heiligenbronn

Veränderung braucht Mut und die Bereitschaft, Vertrautes neu zu denken. Wie das gelingen kann? Genau darum geht es beim Besuch des Präsidiums des Diözesanrats bei der Stiftung St. Franziskus.


Wie kann Veränderung gelingen? Wie können Menschen dabei mitgenommen und Bewährtes bewahrt werden, während zugleich Raum für Neues entsteht? Mit diesen Fragen im Gepäck machte sich das Präsidium des Diözesanrats auf den Weg nach Heiligenbronn. Auf Einladung von Stefan Guhl, Vorstand der Stiftung St. Franziskus, wollten Marita Walz, Willy Braun und Ulrich Kloos zuhören, sich austauschen und Impulse für die Arbeit des Diözesanrats und den Prozess „Kirche der Zukunft“ mitnehmen.

An diesem sonnigen Tag liegen Klosteranlage und Gebäude der Stiftung ruhig und idyllisch zwischen Feldern und Wäldern. Stefan Guhl und Vorstandskollegin Andrea Weidemann heißen die Gäste willkommen. Es ist der Auftakt zu einem Besuch, bei dem es um Wandel, Chancen und Herausforderungen geht – vor allem aber um Menschen.
 

Gelebte Teilhabe
Das wird schon beim Rundgang über das Gelände und beim Besuch eines Bereichs deutlich, in dem Menschen mit unterschiedlichen körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen begleitet werden. Besonders beeindruckend ist die Selbstverständlichkeit des Miteinanders. Jeder kann entsprechend seiner Fähigkeiten selbst aktiv werden. Mitarbeitende unterstützen, wo Hilfe notwendig ist, und nehmen sich zurück, wo jemand selbst etwas kann. Wer eine Pause oder Ruhe braucht, kann sich in eigens dafür eingerichtete Räume zurückziehen.

Und dann ist da diese kleine Begegnung: Die Kamera, mit der der Besuch dokumentiert wird, weckt Neugier. Sie wird betrachtet, angefasst, die Technik ausprobiert. Für einen Moment wechseln die Rollen: Nicht nur die Gäste beobachten – nun werden auch sie und ihre Kamera beobachtet. Teilhabe, ganz unmittelbar und ungezwungen.
 

Aus dem Loslassen erwuchs Neues
Auch Heiligenbronn selbst hat tiefgreifende Veränderungen erlebt. Die Wurzeln der Stiftung liegen in der Schwesternschaft der Franziskanerinnen von Heiligenbronn. Als eine immer kleiner werdende Schwesternschaft die wachsenden Aufgaben auf Dauer nicht mehr allein tragen konnte, gingen die Schwestern einen mutigen Weg: Sie gaben Verantwortung in neue Hände und Strukturen und ließen Vertrautes los, damit das, was ihnen wichtig war, weiterbestehen konnte.

1991 wurde die Stiftung St. Franziskus gegründet. Aus einer vergleichsweise kleinen Organisation entwickelte sich eine Stiftung mit mehreren Standorten, die heute fast 3.000 Mitarbeitende beschäftigt, unterstützt von knapp 300 Ehrenamtlichen. Die Verbindung zu den Franziskanerinnen ist geblieben. „Wir sind ein junges Unternehmen mit starken Wurzeln“, bringt Stefan Guhl es auf den Punkt.

Doch neue Strukturen allein machen noch keinen gelungenen Wandel. Entscheidend sei, so Stefan Guhl, wie Menschen miteinander arbeiten, kommunizieren und Entscheidungen treffen. Deshalb geben fünf „Wegweiser“ Orientierung für die gemeinsame Arbeitskultur: auf das Wissen und die Kompetenz anderer vertrauen, das eigene „Silo“ verlassen, Kooperation suchen. Und manchmal schlicht: anfangen, ausprobieren, Erfahrungen sammeln und Fehler zulassen. Es braucht den Mut zum ersten Schritt – und den langen Atem, einen eingeschlagenen Weg weiterzugehen und sich Herausforderungen gemeinsam zu stellen.
 

Impulse für „Kirche der Zukunft“
Darin liegt auch der Wert des Austausches für das Präsidium. Viele Fragen, die Heiligenbronn auf seinem Weg beschäftigt haben, stellen sich auf andere Weise auch im Prozess „Kirche der Zukunft“: Was soll bleiben? Was darf und muss sich verändern? Wie gelingt es, Menschen mitzunehmen? 

Auch Heiligenbronn sucht dabei seinen Platz. An nur wenigen Orten kommen die drei Aufträge der Kirche so unmittelbar zusammen: Verkündigung, Diakonie und Spiritualität. Kirche kann hier zugleich als Sozialraum erfahrbar werden – als offener Ort der Begegnung, Gemeinschaft und Teilhabe.

Es ging bei dem Besuch nicht darum, fertige Lösungen für den Veränderungsprozess mitzunehmen. Was Marita Walz, Willy Braun und Ulrich Kloos mitnehmen? Erfahrungen, die sich teilen lassen – und die vor allem Mut machen. Wandel kann gelingen, ohne die eigenen Wurzeln aufzugeben. Vielleicht braucht Zukunft genau diese Mischung: zu wissen, woher man kommt und was einen trägt – und gleichzeitig den Mut zu haben, gemeinsam aufzubrechen.

Oder, um es mit einem der Wegweiser aus Heiligenbronn zu sagen:
Nicht sollte, hätte, müsste, könnte. Sondern: Los geht’s!

 

Bilder: Diözese Rottenburg-Stuttgart / Ines Szuck

 

Der Diözesanrat ist das oberste gewählte synodale Priester- und Laiengremium der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

  • Als Pastoralrat berät er den Bischof in Angelegenheiten des kirchlichen Lebens.
  • Als Katholikenrat vertritt er die Katholik/-innen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.
  • Als Kirchensteuervertretung entscheidet er über Höhe und Verwendung der Kirchensteuer und beschließt den Haushalt der Diözese. 
Diözesanratssprecher Willy Braun im Gespräch mit Sebastian Obrecht, der in Heiligenbronn begleitet wird.
Diözesanratssprecher Willy Braun im Gespräch mit Sebastian Obrecht, der in Heiligenbronn begleitet wird
Jürgen Heinrich zeigte sich sehr interessiert an der Fotokamera der Besucher.
Jürgen Heinrich zeigte sich sehr interessiert an der Fotokamera der Besucher.
Marita Walz war sehr beeindruckt, wie schnell Joachim Rabold Wäscheklammern zusammensetzt – es sieht einfacher aus, als es ist.
Marita Walz war sehr beeindruckt, wie schnell Joachim Rabold Wäscheklammern zusammensetzt – es sieht einfacher aus, als es ist.
Die Vorstände der Stiftung St. Franziskus und das Präsidium des Diözesanrats gemeinsam auf  dem Weg über das Gelände.
Die Vorstände der Stiftung St. Franziskus und das Präsidium des Diözesanrats gemeinsam auf dem Weg über das Gelände.
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