Förderung so individuell
wie Ihr Kind

Schulbereich für Kinder und Jugendliche mit Taubblindheit/Hörsehbehinderung

Mein Leben war ohne Vergangenheit und Zukunft,
(...) aber ein Wörtchen von den Fingern eines anderen Menschen traf auf meine Hand, füllte die Leere aus.

(Helen Keller)

Was bedeutet Taubblindheit/Hörsehbehinderung?

Taubblindheit/Hörsehbehinderung ist eine eigenständige Behinderung. Menschen mit Taubblindheit sind gleichzeitig hör- und sehgeschädigt. Aber nicht nur das:

Ein blinder Mesnch kann hören und sich über das Gehör ein eigenes Bild von der Welt machen. Menschen mit Hörschädigung nehmen ihre Umwelt optisch wahr und können zum Beispiel mittels Mimik, Gesten und Gebärden lernen, ihre eigenen Gedanken und Gefühle auszudrücken.

Bei Menschen, die gleichzeitig hör- und sehgeschädigt sind, findet diese Kompensation nicht statt. Sie haben einen anderen, erschwerten Zugang zu Kommunikation, Informationen und Mobilität und nehmen ihre Umwelt ganz anders wahr. Deshalb benötigen sie Menschen, mit denen sie kommunizieren können, die sie verstehen und die ihnen die Welt erklären, damit sie am Leben der Gesellschaft aktiv teilhaben können.

Durch Interaktion zur Kommunikation

Menschen haben das Bedürfnis sich zu äußern und von anderen Menschen verstanden zu werden. Angenehmer Kontakt und Kommunikation tragen nicht nur zu unserem Wohlgefühl, sondern zur emotionalen, sozialen, kognitiven und persönlichen Entwicklung bei.

Kinder mit Taubblindheit/Hörsehbehinderung entwickeln ihre kommunikativen Fähigkeiten nicht auf ebenso automatische Weise wie Normalsinnige. Ihre Interaktionspartner müssen sich sensibel auf die Wahrnehmungsmöglichkeiten und Ausdrucksweisen des taubblinden Kindes einstellen. Schon der erste Kontakt zum Schüler oder zur Schülerin muss sensibel vorbereitet und individuell angekündigt werden, zum Beispiel durch Erkennungszeichen (z.B. Armband) oder eine angenehme Art der Berührung (Berührung an der Schulter, an den Füßen...).

Basale Kommunikationsförderung verläuft kindgerichtet: das Kind macht durch seine Äußerung oder sein Verhalten eine Mitteilung. Sein Partner beantwortet diese Initiative, indem er die Äußerungen des Kindes bestätigt, imitiert und variiert. In wechselseitig geteilter Aufmerksamkeit erlebt sich das Kind als wirksamer Interaktionspartner.

Kommt ein Gegenstand hinzu, erfährt das Kind durch Bestätigung, dass seine eigene Beschäftigung mit einem Objekt von seinem Partner wahrgenommen wird und zu einer Reaktion bei ihm führt. Indem das Kind die Aufmerksamkeit gleichzeitig dem Partner und einem dritten Element schenkt, lernt es, sich über etwas zu verständigen.

Die Kinder erleben, dass die Erfüllung eines Wunsches oder eines Bedürfnisses durch bestimmte Äußerungen oder eine gezielte Bewegung erreicht werden kann. Haben sie gelernt, sich durch individuelle Zeichen verständlich zu machen, wird zu konventionellen Kommunikationssystemen hingeführt, um die Kontaktaufnahme mit weiteren Personen zu ermöglichen.

Kommunikationssysteme

01

Bezugsobjekte

Objekte, die als Kommunikationsmittel dienen. Sie können Dinge, Aktivitäten, Ereignisse, Menschen oder Ideen repräsentieren, charakterisieren oder auf sie hinweisen.

02

Bilder und Piktogramme

Sie müssen in einer dem verbliebenen Sehvermögen entsprechenden Größe, in gutem Kontrast und klar strukturiert angeboten werden.

03

Lautsprache

Lautsprache wird durch den Einsatz von Hilfsmitteln (wie z.B. einer Höranlage) besser wahrgenommen. Eine Hilfe ist auch das PMS (Phonembestimmtes Manualsystem), bei dem die Lautbildung durch Handzeichen verdeutlicht wird.

04

Body Signs

Es handelt sich um selbst ausgehandelte Zeichen/Gebärden, die am Körper der Betroffenen ausgeführt werden

05

Gebärden

Gebärden sind sinntragende Handbewegungen, die der Darstellung von Begriffen oder Sachverhalten dienen. Es wird darauf geachtet, dass die Gebärden von Kindern mit Sehbehinderung gut wahrgenommen und unterschieden werden können. So werden diese z.B. körpernah oder taktil (Hand-unter-Hand) angeboten.

06

Schrift

Schrift eignet sich dazu,sprachliche Strukturen „sichtbar“ zu machen. Je nach Sehvermögen wird Schwarzschrift in optimaler Größe und Kontrast oder Brailleschrift angeboten.

07

Fingeralphabet

Mit dem Fingeralphabet können die Buchstaben durch verschiedene Handhaltungen und Fingerstellungen dargestellt werden. Dies ermöglicht das Buchstabieren von Wörtern oder Namen.

08

Lormen

Beim Lormen werden die einzelnen Buchstaben durch Druck- und Streichbewegungen an bestimmten Stellen der Hand ersetzt.

Strukturierende Maβnahmen

Um den Schülerinnen und Schülern mit Taubblindheit/Hörsehbehinderung Sicherheit zu bieten, ist ein strukturierter Tagesablauf notwendig, in dem bekannte und unbekannte Situationen angekündigt, aufgearbeitet und durchgespielt werden. Dadurch können eventuell vorhandene Ängste abgebaut und Vertrauen aufgebaut werden. Deshalb ist es wichtig, dass der Tagesablauf und besondere Ereignisse gemeinsam mit dem Schüler oder der Schülerin beispielsweise über Bezugsobjekte und Symbole angekündigt und nachvollzogen werden.

Selbstbestimmung und Teilhabe

Durch die strukturierenden Maβnahmen und die Hinführung zu Kommunikationssystemen wird es den Schülerinnen und Schülern ermöglicht ihr Leben möglichst selbstbestimmt zu gestalten, wodurch die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erhöht werden kann.

Auβerdem bieten wir den Schülerinnen und Schülern Wahlmöglichkeiten und Entscheidungshilfen an. In unterschiedlichen Situationen wird Eigenaktivität eingefordert.

Durch Menschen, die zusammen mit den Kindern und Jugendlichen die Welt erkunden, ihre Aktivitäten und Handlungen begleiten und ihnen die „Welt“ erklären, können die Kinder und Jugendlichen am Leben in der Gesellschaft aktiv teilhaben. Beim taktilen Explorieren wird eine Hand-unter-Hand Begleitung angeboten. Dadurch kann die Aktion selbstbestimmt vom Abfühlenden abgebrochen oder weitergeführt werden.

Damit sich die hörsehbehinderten Kinder und Jugendlichen als Teil einer Gemeinschaft erleben können, werden Situationen geschaffen, in denen sie die Möglichkeit haben, mit jedem Einzelnen in Kontakt zu kommen (z.B. jeder begrüßt jeden im Morgenkreis).

Elternkontakt

Eine intensive Zusammenarbeit zwischen Elternhaus, Schule und Internat/Tagesgruppen ist unumgänglich. Der Kontakt zu den Eltern gestaltet sich durch Telefonate, Kontakthefte, E-Mails, Elterngespräche. Vor allem vor und nach Wochenenden und Ferien sind verstärkt Rücksprachen notwendig, um die Schülerinnen und Schüler besser verstehen zu können. Auch die Eltern können so zum Beispiel den aktuellen Schulstoff und die Erlebnisse in Internat/Tagesgruppe zu Hause wieder aufgreifen.

In regelmäßig stattfindenden Gebärden- und Kommunikationskursen werden Eltern und Angehörige befähigt, die Kommunikationsformen ihrer Kinder und Jugendlichen zu erlernen, um sich besser mit ihnen verständigen zu können.

Organisation

01

Ganztagesbetreuung

Ganztagesbetreuung mit Mittagessen und Freizeitangebot

02

Internatsangebot,
Übergangsgruppe
Helena Plus

  • Unsere Internatsgruppen gestalten die Schulwoche für die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen so, dass sie sich heimisch fühlen und eine intensive Förderung nach taubblinden-spezifischen Gesichtspunkten möglich ist.
  • Von Montag bis Freitag bleibt viel Zeit, um Selbständigkeit und viel Lebenspraktisches für die Zukunft zu lernen.
  • Im intensiven Austausch mit gleichaltrigen Gleichbetroffenen können Kommunikationssysteme geübt und gefestigt werden und es kann eine Auseinandersetzung mit der eigenen Behinderung erfolgen.
03

kleine Klassen

kleine Klassen mit gemeinsamen Kommunikationssystemen

04

Integration

Integration einzelner Kinder und Jugendlicher mit Taubblindheit/Hörsehebehinderung in Klassen der Grund-, Haupt-, Werkrealschule, Förderschule, Schule für mehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche

05

bauliche Maβnahmen

  • gut sichtbare Markierungen und Leitlinien sowie taktile Handläufe innerhalb und außerhalb des Schulgebäudes zur sicheren Orientierung
  • schallgedämpfte Klassen- und Differenzierungsräume, Rückzugsräume zur Regeneration und Reorganisation (Seh- und Hörpausen)
06

besondere
Unterstützungsangebote
und Beratung

Orthoptistin, Mitarbeiter der Pädagogischen Audiologie

07

Zusammenarbeit

enge Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern (Augenärzte, Sehbehindertenambulanz, HNO-Ärzte, Pädaudiologen, CI-Zentren, Akustiker, Pädakustiker, Kinderkliniken, Orthopädietechnik, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden...)

Individuelle Förderung

Im Vordergrund stehen die Kinder und Jugendlichen mit ihren individuellen Bedürfnissen, wobei die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler das Handeln der Bezugspersonen steuert. Dialogizität (gegenseitiges aufeinander Bezugnehmen), Interaktion und Kommunikation stehen dabei im Mittelpunkt. So kann in alltäglichen Situationen die Welt erklärt werden und es können bei den Kindern und Jugendlichen Begriffe von der Welt entstehen.

Folgende Angebote werden individuell zusammengestellt:

  • Begriffsbildung als durchgängiges Unterrichtsprinzip auf allen Kommunikationsebenen und innerhalb aller Kommunikationssysteme
  • Erwerb, Ausbau und Kombination geeigneter Kommunikationssysteme (s.o.)
  • Gebärdenunterricht als Unterrichtsfach bei Schülerinnen und Schülern, die auf die Gebärdensprache angewiesen sind
  • systematischer Schriftspracherwerb bei Schülerinnen und Schülern, welche die Schriftsprache (Schwarzschrift oder Brailleschrift) erlernen
  • Orientierungs- und Mobilitätstraining (unter besonderer Berücksichtigung der Hörsehbehinderung/Taubblindheit)
  • Erlernen von lebenspraktischen Fertigkeiten durch das Miterleben von alltäglichen Handlungen und das strukturierte Nebeneinandersetzen von Miterleben, Erläuterungen und Eigenaktivität (Ausprobieren / Üben)
  • basales Theaterspiel zur Förderung der Kommunikations- und Persönlichkeitsentwicklung und zur ästhetischen Erziehung
  • Angebote im musisch-sportlichen Bereich (Chor/Gebärdenchor, Wintersporttag...)
  • Angebot verschiedener Möglichkeiten der Freizeitgestaltung (gemeinsame Aktivitäten mit den Tagesgruppen, Kontakte zu außerschulischen Vereinen)
  • verstärkt projektartiger Unterricht (mit Themen, die für die Schülerinnen und Schüler von Bedeutung sind, z.B. „Vom Schaf zum Pullover")
  • Rhythmik als Unterrichtsfach
  • Wahrnehmungsschulung (Sehförderung, Hör- und taktile Wahrnehmungsschulung)

Ansprechpartnerin

Bereichsleiterin
Schulbereich Taubblindheit/Hörsehbehinderung
Beate Schork

Telefon: 07422 569-3245
Telefax: 07422 569-3382
E-Mail: beate.schork@stiftung-st-franziskus.de

Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum mit Internat, Förderschwerpunkt Sehen
Kloster 2
78713 Schramberg-Heiligenbronn