08.10.2018

Festakt zum 150-jährigen Jubiläum: Meilensteine in der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik gesetzt

Die älteren Hauptschüler des SBBZ Sehen bei ihrem Auftritt als "Comedian Harmonists"

Die älteren Hauptschüler des SBBZ Sehen umrahmten den Festakt zum Jubiläum in der stiftung st. franziskus heiligenbronn musikalisch auch als "Comedian Harmonists" als Replik auf das vergangene Jahrhundert.

die beiden ehemaligen Schüler Frank Höfle und Verena Bentele

Zwei prominente Gäste im Publikum des Festaktes zum 150-jährigen Jubiläum der Schule für Blinde und Sehbehinderte in Heiligenbronn: die beiden ehemaligen Schüler und späteren Paralympics-Spitzensportler Frank Höfle und Verena Bentele. Fotos: Witkowski/NRWZ

Schramberg-Heiligenbronn.
150 Jahre ist es her, seit am 7. Mai 1868 mit Anna Maria Lerch aus Schönebürg bei Laupheim das erste blinde Kind in die Rettungsanstalt des Klosters Heiligenbronn aufgenommen wurde. Die Franziskanerinnen legten damit den Grundstein der bald zweiklassigen Blindenschule.

Blinde und sehbehinderte Menschen gehören seither zum Kloster und der heutigen Stiftung wie auch zum Stadtteil und der Stadt Schramberg. Was damals ein Akt der Fürsorge war, hat sich heute zu einem Menschenrecht weiterentwickelt: die Integration ins gesellschaftliche Leben.

Zum Festakt im Elisabetha-Glöckler-Saal hatten sich zahlreich geladene Gäste aus der Stiftung selbst, aus dem Schulleben, der Politik und der Wissenschaft eingefunden. Darunter mit Verena Bentele und Frank Höfle auch zwei ehemalige Schüler, die zunächst als unglaublich erfolgreiche Behindertensportler ihren Weg gemacht hatten und heute mitten im Leben stehen. So war Verena Bentele Behindertenbeauftragte der Bundesregierung und ist heute Präsidentin des VdK, Frank Höfle ist heute Geschäftsführer eines Altenhilfezentrums im Allgäu.

Begrüßt wurden die zahlreichen Gäste durch Schulleiter Dietmar Stephan, der auch durch das Programm des Festakts führte. Die musikalische Umrahmung übernahm die Hauptschulklasse 3 zunächst als "Comedian Harmonists" und später als "Fanta 4".

In seiner Rede zum Jubiläum freute sich Stiftungs-Vorstand Hubert Bernhard, dass der Fortschritt auch vor Heiligenbronn nicht Halt gemacht habe: "Auch hier in Heiligenbronn ist der Wandel sichtbar, so manches hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von Grund auf verändert. Und es wurde, ohne zu übertreiben, mitunter auch Geschichte geschrieben." Unter den Steinen, die sich aneinanderreihten, befanden sich laut Bernhard mitunter auch Meilensteine in der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik.

Hubert Bernhard erinnerte daran, dass der junge Vikar David Fuchs mit der Gründung des Klosters im Jahre 1857 eine Antwort auf die sozialen Fragen des 19. Jahrhunderts und die Nöte der Zeit gegeben habe. Nach der Aufnahme des ersten blinden Kinds 1868 wurden bereits zehn Jahre später 16 blinde Kinder und Jugendliche in Heiligenbronn betreut: "Das Heim bot Heimat und Geborgenheit und war gleichzeitig Bildungsstätte." Die Kinder wurden auf ein selbstständiges Leben in der Gesellschaft vorbereitet. 1887 wurde in Heiligenbronn die Brailleschrift eingeführt. 1901 wurde die Blindenschule dann um eine Berufsschule ergänzt. Ab dem Jahr 1937 unterrichtete mit Schwester Ancilla Biesenberger die erste sonderpädagogisch ausgebildete Blindenlehrerin in Heiligenbronn.

Die Zeit des Nationalsozialismus hatte auch Auswirkungen auf diesen Ort. Während des Zweiten Weltkriegs konnte kein regulärer Unterricht gehalten werden. In den Nachkriegsjahren kam die Blinden- und Sehbehindertenpädagogik nach den Worten von Hubert Bernhard dann so richtig in Bewegung. Anfangs war dies vor allem Schwester und Blindenlehrerin Bonaventura Hauser zu verdanken, der späteren Generaloberin.

Das Jahr 1993 war das Jahr der Zustiftung: Das Kloster Heiligenbronn hat damals sämtliche Immobilien und sämtlichen Grundbesitz inklusive einer angemessenen Kapitalausstattung an die stiftung st. franziskus heiligenbronn übertragen. Die Klostergemeinschaft war damit laut Bernhard an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gegangen.

Seit dem Jahr 2000 wurde das erste Kind mit Taubblindheit offiziell beschult. Gezielt sei in diesem Bereich auf Professionalisierung gesetzt worden. In den vergangenen Jahren sei in den Bereichen Hörsehbehinderung und Taubblindheit eine hohe Fachlichkeit erreicht worden. Wert legt Hubert Bernhard darauf: "Heiligenbronn steht für ein Angebot, das sich nicht nur auf das rein Funktionale konzentriert, sondern vor allem auch das Menschliche jedes einzelnen Individuums betrachtet und wertschätzt."

Den Festvortrag hielt Professor Markus Lang von der PH Heidelberg, der eng mit der stiftung st. franziskus heiligenbronn verbunden ist. Er befasste sich in seinem Vortrag unter anderem mit den pädagogischen Anliegen der Zeit. So seien Menschen mit Taubblindheit auf eine besondere Pädagogik angewiesen. Als aktuelle Herausforderungen sieht er die Sicherung der Expertise, die Digitalisierung und die Inklusion. Zunächst sei die Arbeit caritativ geprägt gewesen, heute gehe es um Teilhabe. Dabei verwies er auf das "Menschenbild der Menschlichkeit" nach Speck als Grundlage des pädagogischen Miteinanders. Eine wichtige Rolle spielt für Professor Lang auch die Personale Pädagogik nach Martin Buber mit einer dialogorientierten Grundhaltung. Für Lehrer ist es nach seinen Worten wichtig, dass sie gegenüber den Schülern ein "aufrichtiges empathisches Gespür haben".

Weitere Grußworte gaben Zeugnis davon, wie das heutige SBBZ Sehen in einem positiven Verhältnis zu ihrem Umfeld steht. Generaloberin Schwester Agnes Löber wünschte den Mitarbeitern, den Schülern und ihren Familien, dass sie aus dem Jubiläum Kraft und Ermutigung schöpfen können. Der Schramberger Oberbürgermeister Thomas Herzog betonte, dass Menschen mit Behinderung heute nicht mehr vorrangig unter dem Aspekt gesehen werden, was ihnen fehlt, und dankte für die Anstrengungen des Klosters und der Stiftung. Sozialdezernent Bernd Hamann vom Landkreis Rottweil dankte für die gute Zusammenarbeit mit der Stiftung und äußerte seine "Hochachtung vor der geleisteten Arbeit". Leitende Schulamtsdirektorin Sabine Rösner vom Schulamt Donaueschingen würdigte Heiligenbronn als "wichtigen Standortfaktor in der Region".

Bei einem kleinen Umtrunk tauschten sich die geladenen Gäste aus, während draußen der Festbetrieb begann (siehe eigenen Bericht).

aus der Neuen Rottweiler Zeitung online

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